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„Menschzentrierte Gestaltung beginnt da, wo Funktionalität aufhört“

Die Mobilität von morgen und das Konzept der menschzentrierten Gestaltung sind bei Audi eng miteinander verknüpft. Designer Marcel Wanders, dessen Studio auch den Audi Auftritt bei der Milan Design Week 2021 gestaltet hat, verkörpert diese Philosophie wie kaum ein anderer. Ein Gespräch über Werte, Innovation und humanistische Autos.

06.09.2021 Text: Nadia Riaz-Ahmed - Foto: Marcel Wanders studio Lesezeit: 8 min

Eine weiße Porzellan-Lampe hängt vor einem schwarzen Hintergrund.
Marcel Wanders studio entwickelte die Kollektion Nightbloom für das spanische Unternehmen Lladró. Als Inspiration für die Hängelampen aus weißem Porzellan dienten Blüten, die im Wind tanzen.

Herr Wanders, Sie setzen ganz auf menschzentrierte Gestaltung. Was ist damit gemeint?

Na ja, der Mensch ist schon ein komisches Tier. Wir stellen uns einen Weihnachtsbaum in die Wohnung, tragen hochhackige Schuhe, tätowieren unsere Körper und beobachten hingebungsvoll, wie sich eine Katze das Fell leckt. Menschzentrierte Gestaltung heißt zu verstehen, dass wir längst nicht so rational sind, wie wir gerne glauben. Dieser Ansatz beschäftigt sich mit der Frage, wie wir uns – einzeln und in der Gemeinschaft – mit Objekten und miteinander auseinandersetzen. Viel zu lange haben wir geglaubt, dass der Designprozess ein rationaler, systematischer Vorgang sei. In Wirklichkeit treffen die Menschen jedoch, zumindest teilweise, irrationale Entscheidungen – und genau das macht uns zu schönen und poetischen Wesen. Ich bin deshalb mit meinem Studio auf der Suche nach dem eigentlichen Wesenskern und der wahren Poesie hinter unserem Handeln und nutze die hier gewonnenen Einsichten, um möglichst langlebigen Wert bei bestmöglicher Ressourcenschonung zu entwickeln.

 

Wie erwecken Sie die Grundsätze menschzentrierter Gestaltung zum Leben?

Bei der menschzentrierten Gestaltung geht es um die Verknüpfungen zwischen dem Menschen und der von ihm geschaffenen Umwelt. Funktionalität ist dabei sicher die erste Anforderung, denn ohne Funktion ist alles nichts. Leider geben wir uns allzu oft schon mit diesem Mindestanspruch zufrieden. Menschzentrierte Gestaltung aber beginnt da, wo Funktionalität aufhört. Das, was danach kommt, ist Gegenstand eines Reflektionsprozesses mit hintergründigen Fragen und oft komplexen Antworten. Wenn jemand beispielsweise das mühsam abgezogene Etikett einer Weinflasche in seiner Jackentasche findet, das ihn an einen ganz besonders schönen Abend erinnern soll. Sind es nicht genau solche Dinge, die uns als Menschen ausmachen? Über die reine Funktion hinaus können Gegenstände eben auch Werte, Träume und Ideen transportieren.

 

Eine Hotellobby aus der Vogelperspektive mit runden, bunten Sitzinseln.
Orientalische Stilelemente, luxuriöse Dekorationen, gewaltige Säulen – so präsentiert sich ein 5-Sterne-Hotel in Katar, das von Marcel Wanders studio entworfen wurde. Jedes Zimmer und jeder Raum besitzen eine eigene Identität und präsentieren den Gästen diverse Geschichten mit einem zentralen, durchgängigen Thema.

Was bedeutet das ganz allgemein für unser Leben? Und welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit dabei?

Wenn wir es schaffen, bewusst in die uns umgebenden Objekte zu investieren, dann wird unsere künstliche Umwelt bedeutungsvoller. Dank dieser neuen Bedeutungsdimension entsteht eine tiefe Sinnhaftigkeit, die uns einen größeren und längeren Nutzen bescheren wird. Für mehr Nachhaltigkeit braucht es weniger Sachen mit mehr Wert. Weniger von mehr.

 

Was ist ein typisches Beispiel für Ihr humanistisches Design?

Eine meiner bekanntesten Arbeiten ist eine große Lampe in Form einer Glocke. Die meisten von uns sind mit dem Klang von Glocken aufgewachsen. Sie stehen symbolisch für Ankunft, Zusammenkunft, Willkommenheißung und den Lauf der Zeit. Die Glocke war das erste Instrument der Massenkommunikation. Erst mit ihr wurde es möglich, viele Menschen gleichzeitig über eine große Entfernung hinweg zu erreichen. Für all das steht auch unsere Ikone. Ob über einem Esstisch oder im Eingangsbereich eines Hotels: Hier kommen Menschen von unterschiedlichen Orten zusammen. Unsere Lampe symbolisiert Einladung und Ankunft.

Wenn die Poesie von der Liebe handelt. Wenn die Kunst von der Liebe handelt. Wenn das Theater von der Liebe handelt. Wenn auch die Oper von der Liebe handelt … Warum soll dann Design von Funktionalität handeln?“

Marcel Wanders

Riesige, goldene Glocken-Lampen hängen in einer Halle zwischen weißen Säulen.
Die große Lampe in der Form einer Glocke ist ein typisches Beispiel für Marcel Wanders Verständnis von menschzentrierter Gestaltung. Sie symbolisiert Ankunft, Zusammenkunft und Willkommenheißung.

Wiederbringen kann man nur das, was zuvor verloren gegangen ist:
Wie und wann ist die Menschlichkeit aus dem Design verschwunden?

Mit dem Siegeszug von Rationalismus und Minimalismus im aufkommenden Zeitalter des Modernismus wurde Rationalität zum wichtigsten Faktor bei der Entscheidungsfindung. Design sollte plötzlich nur noch den Intellekt befriedigen. Dabei sind wir Menschen doch so viel mehr als der reine Verstand. Die Zahl als das Maß aller Dinge hat beispielsweise Häuser hervorgebracht, die einer Excel-Tabelle entsprungen zu sein scheinen, aber kein Zuhause-Gefühl mehr vermitteln. Natürlich hat die Ratio ihren festen Platz im Designprozess, schließlich müssen die Dinge funktionieren. Aber das ist allenfalls der Anfang. Vor allem, wenn man etwas schaffen möchte, das gesellschaftlichen und individuellen Nutzen stiftet.

Marcel Wanders

Marcel Wanders ist ein niederländischer Designer und gemeinsam mit Gabriele Chiave die kreative Zentrale von Marcel Wanders studio in Amsterdam. Das Studio beschäftigt 40 Design- und Kommunikationsexperten. Berühmtheit erlangte er 1996 mit seinem Knotted Chair, einem verknoteten Stuhl, der längst Kultstatus erlangt hat. Er ist Mitbegründer des 2001 entstandenen Designlabels Moooi. Seine Kreationen sind in den bedeutendsten Designkollektionen und -ausstellungen der Welt zu bewundern.

Wie verleiht man einem Objekt immateriellen Zusatzwert?

Es ist im Grunde genommen ganz einfach, aber in vielen Köpfen doch nicht so präsent:

Wenn Sie etwas besitzen, das Ihnen sehr gefällt, etwas, wonach Sie gesucht und das Sie schließlich gefunden haben, etwas, das seinen Zweck nicht besser erfüllt als andere Objekte, das Sie aber trotzdem nicht eintauschen würden, dann hat dieses Etwas Ihnen einen zusätzlichen Wert verschafft. Glückwunsch. Gibt es hingegen in Ihrem Zuhause etwas, dessen Besitz Ihnen nichts bedeutet und das Sie ohne zu zögern gegen einen Gegenstand mit den gleichen Eigenschaften eintauschen würden? Dann war entweder Ihre Kaufentscheidung oder das Produktversprechen falsch. Pech gehabt.

 

Was würden Sie aus einem brennenden Haus retten?

Ich besitze einen 3.000 Jahre alten Keramiktopf, ein ziemlich hässliches Ding. Er befand sich über eine sehr, sehr lange Zeit auf dem Meeresboden, nachdem er mehr als 100 Jahre lang auf einem asiatischen Schiff eingesetzt wurde. Ich habe ihn nun schon seit 23 Jahren. Jedes Mal, wenn ich ihn betrachte, überkommt mich ein Gefühl der Demut. Mein Designlabel Moooi hat eine Nachbildung von diesem antiken Topf angefertigt, die wir nun als Porzellanvasen verkaufen. Somit hat dieses hässliche Ding nach mehr als drei Jahrtausenden Nachwuchs bekommen. Es kommt mir so vor, als habe ich diesem alten Topf und seinem Hersteller eine Familie gegeben. Er ist mir ungemein wichtig.

Acht leuchtende Lampen hängen asymmetrisch an der Decke.
Die Lampen der Serie Nightbloom vermitteln ein Gefühl natürlicher Zufälligkeit – jedes Element wird vom Mittelpunkt der Lampe aus beleuchtet.

Lasst uns Schichten aus Poesie, Liebe und Überraschungen auftragen“

Marcel Wanders

Die Designwelt kennt Sie als kreatives Kraftfeld, das Phantasie und Leidenschaft in den Schöpfungsprozess einbringt. Wie machen Sie das?

Nun, ich lebe. Ich bin ein menschliches Wesen. Ich bringe meine Menschlichkeit ein. Ich setze meinen Verstand ein, begreife das aber nur als Ausgangspunkt. Wenn wir im Studio ein neues Projekt in Angriff nehmen, sage ich meinem Team: Lasst uns an alles denken und das Problem von allen Seiten betrachten. Lasst es uns besser meistern als jeder andere zuvor. Lasst es uns so klug wie möglich angehen. Lasst uns unser Bestes geben und alle nur erdenklichen Funktionen berücksichtigen. Und wenn wir das getan haben, wenn wir das Problem vollständig und auf die smarteste Weise gelöst haben, sage ich meinen Leuten: Lasst uns diese Intelligenz mit Schichten aus Poesie, Liebe und Überraschungen überziehen. Aber so, dass niemand es merkt. Keiner mag den Klassenprimus. Wenn aber das süßeste, bescheidenste und schönste Mädchen der Klasse auch die Klügste ist, wird sie jeder lieben.

 

Woher beziehen Sie Ihre Inspiration?

Meine Inspiration ist das große heftige Feuer, das in mir brennt. Ich lasse mich von meinen Wünschen, meinen Träumen, meiner Vision, meinen Zielen und den für mich wichtigen zentralen Fragen inspirieren. So aufgeladen finde ich die Antworten immer und überall. Die Außenwelt, Bücher und Reisen liefern mir Antworten, nicht aber die Inspiration. Die entsteht in meinem Innern.

Ihr Studio hat das Konzept und die Ausstattung des Audi City Lab für die Milan Design Week 2021 entworfen. Wie würden Sie die inhaltliche und visuelle Aussage beschreiben? Und was für „Schichten“ haben Sie hier aufgetragen?

Licht als ein Medium, das Informationen und Stimmungen transportiert, spielt eine wichtige Rolle bei Audi. Es ist auch von elementarer Bedeutung für die Inszenierung des Audi City Lab. Die Lichter sind hier einfach überall. Sie zeigen den Weg, ziehen die Blicke auf sich, erzählen Geschichten, spielen mit den Sinnen der Besucher und schärfen ihre Sensibilität. Es ist ein intuitives Spiel, das keiner so beherrscht wie die Autobauer. Aber es gibt noch mehr: So finde ich es überaus interessant, dass kein Fahrzeugsitz von Audi auch nur annähernd so aussieht wie die Sitzmöbel, die wir zu Hause haben. Die Erwartungen an einen Autositz sind nun mal anders als die Erwartungen an einen Stuhl für das eigene Wohnzimmer. Teilweise ist das natürlich funktionsbedingt. Und doch hat es auch Symbolcharakter. Für das Mailänder Event haben wir deshalb einen Audi Fahrzeugsitz für das Wohnumfeld kreiert. Durch diesen Symboltausch, durch diese Wanderung zwischen den Welten, haben wir eine Anomalie geschaffen.

 

Apropos Audi Fahrzeugsitze: Ein Blick auf die jüngst vorgestellten Konzeptfahrzeuge zeigt, dass Audi speziell beim Innenraum auf menschzentriertes Design setzt. Wie sollte ein menschzentriertes Auto Ihrer Meinung nach aussehen?

Ist es nicht ein verrückter Gedanke, dass der menschliche Körper mit hoher Geschwindigkeit bewegt wird, während er sich nur 20 Zentimeter über steinhartem Untergrund befindet? Durch nichts anderes geschützt als jene doch relativ kleinen Elemente, die für unsere Sicherheit sorgen müssen. Die große Aufgabe eines Autos ist deshalb nicht nur physikalischer und funktionaler Natur. Vielmehr geht es durchaus auch darum, uns in Sicherheit zu wiegen und die Insassen nicht in wilde Panik ausbrechen zu lassen. Autos müssen symbiotische, bionische Kreaturen sein und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dazu müssen Fahrer und Auto eine absolut zuverlässige Einheit bilden.

 

Audi x Milan Design Week 2021

Willkommen im neuen Zeitalter des progressiven Luxus

Willkommen im neuen Zeitalter des progressiven Luxus

Platz für Luxus und Individualität zukunftweisender Prägung – der Audi grandsphere concept¹ beeindruckt durch überragenden Komfort und ein exklusives Mobilitätserlebnis.

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¹Bei dem gezeigten Fahrzeug handelt es sich um ein Konzeptfahrzeug, das nicht als Serienfahrzeug verfügbar ist.

¹Bei dem gezeigten Fahrzeug handelt es sich um ein Konzeptfahrzeug, das nicht als Serienfahrzeug verfügbar ist.

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